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Der Kunde ist König – aber nicht mit Putin

Dass die Türkei ein russisches Raketenabwehrsystem kauft, hat weitreichende Folgen für den Westen und die Nato. Erdogan sorgt dafür, dass Moskaus militärisch-industrieller Komplex im Nahen Osten Fuß fasst.

Der Kunde ist König – aber nicht immer. Wenn es sich um Flugabwehrraketen handelt, wie sie die Türkei dieser Tage bei Wladimir Putin bestellt, dann ist es der Lieferant, der das Spiel beherrscht. Mit der Hardware kommt unausweichlich die Software.

Die Systeme, um die es geht, sind hoch entwickelt und durchaus geeignet, westlichen Produkten den Luftraum zu versperren, ob israelisch, europäisch oder amerikanisch. Sie brauchen auch Einweisung, technische Bedienung und Wartung, und da kommen russische Militärs zum Zuge.

Mehr noch, die Flugabwehr der Türkei muss entweder via Nato mit westlichen Systemen weiterhin verbunden sein – was den Russen Zugang zu den militärischen Intimitäten des westlichen Verteidigungsbündnisses eröffnen würde, oder die Nato muss ihre Verbindungen zur türkischen Luftwaffe auf das absolute Minimum reduzieren.

Dann ist die Türkei nur noch im Namen Mitglied des atlantischen Verteidigungssystems. Wie immer man es betrachtet, Putin hat gewonnen, der Westen hat verloren.

Die Türkei wird unberechenbar

Die Entfremdung der Türkei vom Westen nimmt besorgniserregende Formen an. Dass ausgerechnet ein Traditionalist wie Erdogan via Rüstung die Türkei in Abhängigkeit von Russland bringt – der Zarenstaat suchte seine Expansion gen Süden stets auf Kosten der Türkei – ist nicht ohne Ironie.

Von der Eliminierung der kemalistischen Offizierselite bis zur Russifizierung der türkischen Luftabwehr führt der Weg der Türkei ins Unberechenbare. Diese Raketen sind, auch wenn sie niemals abgefeuert werden würden, politisch nicht wirkungsneutral. Die Widersprüche und Wirrnisse des arabisch-muslimischen Krisenbogens wachsen.

Erdogan tut, was er kann, auf Distanz zum Westen im Allgemeinen und zur Nato im Besonderen zu gehen. Er sorgt dafür, dass der russische militärisch-industrielle Komplex politisch und technisch im Nahen Osten Fuß fasst.

Die tief greifenden Veränderungen des Gleichgewichtes lassen den Westen in der Zuschauerrolle zurück. Es musste nicht so kommen, wie es jetzt kam. Konstruktive Russlandpolitik sieht anders aus. Und das gilt auch für die Türkei.
Quelle: welt.de


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