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Russland und Deutschland müssen Freunde bleiben

Prof. Dr. Horst Teltschik

Horst Teltschik, ehemals Berater des Alt-Kanzlers Helmut Kohl, heute Faculty Member des SNI, im Radio-Interview über den aktuellen Ukraine Konflikt.

Einst Berater im Bundeskanzleramt für Sicherheit und Außenpolitik, kennt Horst Teltschik den Wert des friedlichen Zusammenlebens. Er hat sowjetische Kriegsveteranen und den Kalten Krieg erlebt und will mit seiner Unterstützung des Appells an die Bundesregierung eine neue Entspannungspolitik in Europa fördern. Herr Teltschik im Exklusiv-Interview über seine Erwartungen von der deutschen Ostpolitik.

Wir bleiben beim Thema „Appel an die Bundesregierung“. Den Appel hat auch Herr Prof. Dr. h.c. Horst Teltschik - ehemaliger Berater im Bundeskanzleramt für Sicherheit und Außenpolitik – unterzeichnet, den wir jetzt am Telefon begrüßen.

Herr Teltschik, Ihre Unterschrift steht neben den anderen 63 ebenfalls gewichtigen Unterschriften unter dem Appell an die Bundesregierung „Nie wieder Krieg in Europa“. Was ist Ihre Geschichte der Unterzeichnung?

"Meine Begründung liegt darin, dass ich gesagt habe, dass wir trotz den Auseinandersetzungen zwischen Russland und Europa und der Nordatlantischen Allianz im Zusammenhang mit der Ukrainekrise die Ergebnisse und die Fortschritte, die wir in den letzten 20 Jahren erreicht haben, nicht gefährden dürfen. Wir haben auf den verschiedenen Ebenen der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland, zwischen der Europäischen Union und Russland, zwischen der Nordatlantischen Allianz und Russland viele gute Fortschritte erreicht und es wäre töricht, das alles zu zerstören und kaputtzumachen.”

Es ist nun soweit, dass wir von einem neuen Krieg sprechen. Der Kalte Krieg damals und der Kalte Krieg heute, wobei manche sagen, er war nie zu Ende. Wodurch unterscheiden sich diese beiden Kriege?

"Das ist natürlich dummes Zeug. Der Kalte Krieg ist 1990 beendet worden. Es gab einmal einen kurzen Heißen Krieg für 5 Tage im Zusammenhang mit dem Georgienkonflikt. Jetzt gibt es militärische Auseinandersetzungen in der Ukraine, vor allen Dingen in der Ostukraine. Aber es besteht keine generelle Kriegsgefahr zwischen Ost und West. Das halte ich für Unsinn. Und ich glaube, dass weder Präsident Putin noch irgendeine Regierung im Westen eine kriegerische Auseinandersetzung will, noch beabsichtigt.”

Welcher Satz aus dem Appell spricht Sie besonders an?

"Mich spricht ganz besonders der Satz an, dass wir jetzt alles tun müssen, um die Arbeit zwischen Russland und den Europäern zu intensivieren. Was wir 1990 einmal beschlossen haben und was damals von der Sowjetunion unterschieben worden ist, ist das Ziel einer gesamteuropäischen Friedens- und Sicherheitsordnung von Vancouver bis Wladiwostok. Damals haben wir gemeinsame Prinzipien beschlossen. Damals haben wir beschlossen, dass wir jährliche Außenministerkonferenzen haben. Dass wir ein Konfliktverhütungszentrum einrichten wollen. Wir sollten dieses Ziel aufgreifen und verwirklichen, damit alle gleiche Sicherheit haben. Russland genauso wie Osteuropäer und Westeuropäer.”

Dieser Appell richtet sich zwar nicht nur an die Bundesregierung, sondern auch an die Medien. Frau Merkel ist aber wohl die zentrale Person, an die sich der Appell wendet. Nach dem Ausgang des CDU-Parteitages ist bekannt geworden, dass sie mit 96 Prozent der Stimmen für eine weitre Amtsperiode bestätigt wurde. Warum? Gibt es keinen Nachfolger?

"Frau Merkel ist amtierende Bundeskanzlerin. Sie ist in der neuen Legislaturperiode seit einem Jahr im Amt. Drei Jahre hat sie noch vor sich. Welche Entscheidung sie treffen wird, ist völlig offen. Ob sie nochmal kandidiert oder ob es einen Nachfolger gibt, das ist heute viel zu früh zu diskutieren. Das entscheidet die Frau Bundeskanzlerin frühestens ein Jahr vor der Bundestagswahl. Und ich glaube, dass alle in Europa und in Moskau gut beraten sind, wenn sie davon ausgehen, dass die Bundeskanzlerin Frau Merkel noch lange ihre Partnerin sein wird.”

Könnte man in diesem Zusammenhang mit eventuellen Änderungen in ihrer Ostpolitik rechnen?

"Die Bundeskanzlerin hat gestern aber auch wiederholt erklärt, dass sie den Dialog und die Zusammenarbeit mit Russland fortsetzen will. Das Gleiche hat auch unser Außenminister Steinmeier erklärt. Ich halte das für außerordentlich wichtig. Sie ist im Augenblick die wichtigste Gesprächspartnerin für Präsident Putin. Was ich nun erwarte und einfordern würde, ist, dass beide gemeinsam nach Lösungen suchen, wie man die Ostukraine befrieden kann. Und wie man die Zusammenarbeit wieder intensivieren kann und zwar auf allen Ebenen. Nicht nur zwischen Deutschland und Russland, sondern auch zwischen der Europäischen Union und Russland und zwischen der Nato und Russland.”

Herr Teltschik, man spricht heute im Zusammenhang mit den deutsch-russischen Beziehungen sehr viel über Erinnerungskultur. An welches Ereignis sollte man sich, Ihrer Meinung nach, vor allem erinnern, um die Beziehungen besser zu gestalten?

"Ich selbst komme aus einer Familie - mein Vater war Soldat in beiden Weltkriegen. Er war zweimal in sowjetischer Gefangenschaft. Die Lehre aus diesen Erfahrungen ist eindeutig: Es darf nie wieder Krieg geben! Präsident Putin war ja selbst bei den Feierlichkeiten in Frankreich dabei. Er hat selbst in Augenschein nehmen können, was es damals bedeutet hat, als die Alliierten-Truppen in Europa gelandet sind. Ich glaube, dass unsere beiden Völker nur ein Ziel kennen: Nie wieder Krieg zwischen unseren Völkern. Ich habe damals 1990 in Mineralnyje Wody russische Veteranen erlebt, die auf den damaligen Bundeskanzler Kohl zugingen und sagten: Russen und Deutsche müssen Freunde sein. Das waren Russen, die als Soldaten im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft haben und trotzdem oder gerade deswegen gesagt haben: Jetzt müssen wir zukünftig Freunde sein. Das ist die Lehre, die wir beide ziehen müssen."
Quelle: Radio - Stimme Russlands


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