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Was bedeutet bin Ladens Tod für Obama, für den radikalen Islamismus und den weltweiten Terror?

Michael Stürmer zum Tod bin Ladens.
Der US-Präsident kann mit Rückenwind für seine Wiederwahl rechnen. Aber die Dschihadisten haben jetzt ihren wichtigsten Mythos und Märtyrer. Die Welt muss wachsam bleiben. Es lebt sich gut in Abbottabad, dem grünen Villenort unweit der Betonburgen der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, und es stirbt sich schlecht. Unter den alten Bäumen in Abbottabad verbringen verdiente Generäle der nahezu allmächtigen pakistanischen Armee und Geheimdienste ihre alten Tage - vielleicht mit einem entspannenden Whisky Soda auf der abendlichen Terrasse. Möglicherweise hat dann der eine und andere sich gefragt, wer der seltsame Promi im benachbarten unzugänglichen Wohnkomplex war - vielleicht aber auch nicht.

Triumph Obamas mit Blick auf das Wahljahr 2012
Die politische Rolle des pakistanischen Armee-Geheimdienstes bleibt im Halbdunkel zwischen Kollaboration mit den US-Diensten und eigenen Geschäften. Was den Amerikanern auffiel, regelmäßige Botengänge und verdächtige elektronische Botschaften, kann den Experten in Pakistan nicht verborgen geblieben sein. Da gibt es noch manche peinliche Fragen, aber die meisten werden ohne Antwort bleiben. Was die Zukunft betrifft, so ist deutlich, dass der Triumph amerikanischer Geheimdienste, den der Präsident Sonntagabend der Nation im Ton des gerechten Siegers verkündete (und wahrscheinlich nicht ohne Blick auf seine Wiederwahl 2012) seinen Preis hat. Der Prophet des Terrors ist tot, aber sein Geist lebt weiter, und es ist gerade sein blutiges Ende, das die Kämpfer der Al-Qaida-Netzwerke weiterhin inspirieren wird. Osama bin Laden war längst kein Feldkommandeur mehr, wie einst in Afghanistan gegen die Rote Armee, auch nicht mehr der Meisterplaner, der zuerst die Sprengung der US-Botschaften in Kenia und Tansania befahl (1998) und dann den Angriff auf Pentagon, Weißes Haus und World Trade Center (2001). Während sich seine Spur im unzugänglichen Hochgebirge zwischen Pakistan und Afghanistan verlor, wurde er Prediger des weltweiten Dschihad, des Hasses auf Europa und Amerika und auf alles, was der Westen schätzt. "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod." Das war seine berühmteste und grausamste Botschaft. Ob er das in dem Feuergefecht anders sah, das seinem Ende vorausging, steht dahin. Bis dahin waren es immer fanatisierte junge Männer, die er in die kalte Umarmung des Todes schickte. Blut ist, wie Goethe sagt, ein ganz besonderer Saft. Im Tod ist der Mythos des Osama bin Laden wahrscheinlich noch stärker, als er es im Leben war.

Die Unruhe, die seit einem halben Jahr den arabischen Krisenbogen von Mauretanien bis Syrien und Bahrain erschüttert, eröffnet den Al-Qaida-Aktivisten, ob Fußsoldaten oder Prediger, Chancen auf Macht und Einfluss wie nie zuvor. Das gilt nicht nur für die arabische Staatenwelt, sondern auch für die neuen Rekruten und "Schläfer" ("Perspektivagenten" hieß derlei zu Zeiten des Kalten Krieges) in "Eurabia", das einmal Europa hieß. Fortan werden die Bilder des düsteren Massenmörders aus superreicher saudischer Familie wie wundertätige Ikonen Rache und Massenmord einfordern.

Bin Laden wird zur Ikone der Rache der Extremisten
Dass sein bitteres Ende abschreckend wirken könnte, ist alles andere als sicher. So muss man sich auch mit dem Gedanken vertraut machen, dass das Ende des Osama bin Laden nicht Ende des Krieges aus dem Dunkel der Verschwörung ist, sondern nur eine neue Stufe der Intensität markiert. Der ägyptische Stellvertreter az-Zawahiri, der sich seiner Grausamkeit rühmt, wird übernehmen. Die westlichen Geheimdienste haben allen Grund zu erhöhter Wachsamkeit und intensiver Zusammenarbeit, unabweislich auch mit den Kollegen in Islamabad. Dies ist nicht die Zeit, in Deutschland Vorratsdatenspeicherung und andere Abwehrinstrumente stumpf zu machen. Ohne solche High-Tech-Künste in der Hand der amerikanischen Dienste würde bin Laden weiterhin seine Todesboten inspirieren. Doch eines bleibt: Der Triumph Amerikas, seiner Geheimdienste und seiner elektronischen Wunderwaffen ist, wie die arabische Mentalität beschaffen ist, auch der Triumph des Märtyrerkults, der Terroringenieure und der Hassprediger.
Quelle: www.bz-berlin.de

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